„Wiki Wars“: Das Wikipedia-Duell

Schneller als der Gegner von einem Wikipedia-Artikel zu einem thematisch weit entfernten anderen Artikel gelangen – das ist in aller Kürze das Konzept eines „Wiki Wars“. Was auf den ersten Blick vielleicht etwas langweilig klingt, ist in Wirklichkeit häufig mit viel Adrenalin, Schweiß und Spaß verbunden. Nebenbei lernen die Spieler eine ganze Menge über den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Wissensgebieten und die (enzyklopädische) Organisation von Wissen. Daher macht es erfahrungsgemäß vor allem Schülern ab der Mittelstufe Spaß, wenn die Spieler bereits auf einen breiten Wissensschatz zurückgreifen können.

Ein gutes Beispiel für ein solches Wikipedia-Duell ist der folgende Wettkampf zwischen Videoblogger Andrew Gregory und Jugendbuchautor John Green (Eine wie Alaska, Das Schicksal ist ein mieser Verräter):

Bei der gezeigten „klassischen“ Form des Wiki Wars treten zwei Spieler gegeneinander an, das Spiel lässt sich jedoch ohne weiteres auch mit großen Gruppen oder in Teamarbeit spielen.

Der Ablauf einer Runde ist stets gleich:

  1. Der Spielleiter verkündet den Startpunkt (z.B. Berlin). Alle Spieler rufen den Artikel auf.
  2. Der Spielleiter benennt das Ziel (z.B. Photosynthese) und gibt das Startsignal.
  3. Die Spieler beginnen nun mit der Suche. Dabei dürfen zur Navigation ausschließlich
    • Links im Artikeltext angeklickt,
    • die Vorwärts- und Zurück-Schaltflächen des Browsers, sowie
    • die Volltextsuche des Browsers (Tastenkombination Strg + F) verwendet werden.
  4. Hat der erste Spieler das Ziel erreicht, ist die Runde beendet. Der siegreiche Spieler demonstriert für alle seinen Weg durch die Wikipedia, so dass die anderen Teilnehmer ihn nachvollziehen und nachprüfen können.

Nahezu unvermeidlich folgt dem Ende jeder Runde eine Diskussion über die unterschiedlichen Ansätze, gefundene Sackgassen und interessante Querverbindungen zwischen Artikeln. Inwieweit diese vom Spielleiter gelenkt und moderiert werden können und sollten, ist stets von der Situation und dem gewünschten Ziel abhängig. Der Autor würde sich freuen, hierzu in den Kommentaren Erfahrungen und weiterführende Ideen zu lesen.

Eine interessante Alternative zu festen Start- und Zielartikeln sind übrigens abstraktere Aufgaben, beispielsweise „Bewege dich (geographisch) mit fünf Klicks möglichst weit vom Startort weg“ oder „Reise in fünf Klicks so weit es geht in der Zeit zurück“. Bei fortgeschrittenen Gruppen kann der Startartikel durch einen Klick auf die Schaltfläche Zufälliger Artikel in der Navigationsleiste auf der linken Seite ersetzt werden. Hierdurch ist die Ausgangslage sehr unterschiedlich, was in manchen Fällen auch bei heterogenen Gruppen hilfreich ist. Schließlich können auch die Regeln zur Navigation variiert werden. Ein Verbot der Verwendung der Zurück-Schaltfläche oder Volltextsuche lässt sich jedoch bei großen Gruppen nur schwer kontrollieren und führt somit häufiger zu Konflikten unter den Spielern.

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Ein Wiki für alle Fälle?

Wenn eine Sache begeistert, dann kann sie auch zu übertriebener Begeisterung führen. Manchmal trifft man auf Fans der Wikipedia, für die ein Wiki die Lösung für so ziemlich alles ist. Nüchtern betrachtet hat ein Wiki Vor- und Nachteile, und es hängt vom konkreten Problem ab, ob ein Wiki eine Lösung sein kann.

So hatte ein bestimmter Verein traditionell sowohl ein Vorstands- und ein Vereinswiki. Schließlich kamen eine Website und die Verwendung von Google Drive (bzw. Google Docs) hinzu. Die Website hat sich als nützliches Aushängeschild für die Außenwelt erwiesen, das Vereinswiki als viel benutzte Plattform für aktive Vereinsmitglieder; beide sind öffentlich. Kann sich aber der Vorstand, wenn er Google Drive hat, nicht mittlerweile das Vorstandswiki sparen?

Google Drive, mit dem man Dokumente wie Textdokumente oder Tabellen gemeinsam bearbeiten kann, ist relativ leicht zu bedienen. Besonders praktisch: Man kann pro Dokument angeben, welche Personen genau Zugang haben sollen. Oft arbeiten bei einer konkreten Vereinshandlung die Vorstandsmitglieder, oder manche Vorstandsmitglieder, aber auch andere Ehrenamtliche und einige Mitgarbeiter zusammen. Außerdem kann man wirklich simultan arbeiten, etwa auf einer Vorstandssitzung zeitgleich und gemeinsam das Protokolldokument bearbeiten und sehen, wie der Text wächst.

Das Vorstandswiki hat demgegenüber dem Nachteil, dass ein Wiki genau genommen nur konsekutiv bearbeitet werden kann: Der eine ändert und speichert ab, der andere kann erst danach bearbeiten. Sonst kommt es zum Bearbeitungskonflikt. Außerdem haben nur die Vorstandsmitglieder Zugang. Man könnte, mit etwas Aufwand, im Wiki Namensräume mit unterschiedlichen Zugangsregeln einrichten, das wäre jedoch insgesamt unpraktikabel.

Allerdings hat das Wiki gegenüber Google Drive auch unbestrittene Vorteile. Arbeitet man an einer größeren Zahl von Dokumenten, die demselben Personenkreis zur Verfügung stehen sollen, dann gibt man einer Person Zugang für alles, und wenn die Person nicht mehr dem Kreis angehört, hier wegen Verlassen des Vorstands, dann entzieht man ihr diesen Zugang einfach wieder. Bei der Google-Drive-Lösung müsste man aufwändigerweise pro Dokument die jeweiligen Freigaben pro Person regeln. Außerdem stößt Google Drive anscheinend an Grenzen, wenn viele Leute sich beteiligen, darum sind seinerzeit die Guttenberg-Plagiatsjäger rasch zu einem Wiki gewechselt.

Viele Seiten, gedacht für viele Beitragende, angelegt auf Dauer, und meist öffentlich oder gleichberechtigt für einen bestimmten Personenkreis: Dafür eignet sich häufig ein Wiki. Für andere Kommunikationssituationen können andere Lösungen passender sein.

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Das Unwort des Jahres 2013: Premiumautor

Vor wenigen Tagen wurde zum zweiten Mal das Wikipedia-„Unwort des Jahres“ gekürt. Analog zu seinem bekannten Vorbild konnten hierzu über mehrere Wochen hinweg Vorschläge abgegeben werden. Die Wahl erfolgte dann jedoch nicht durch eine Jury, sondern in offener Abstimmung. Genau 80 Wikipedianer gaben ihre bis zu drei Stimmen ab. Auf dem ersten Platz landete der Premiumautor, für den gut 31% der Teilnehmer stimmten. Knapp dahinter platzierten sich Gender Gap und Genderscheiße, bevor mit immerhin noch 12,5% die Synonyme Bezahltes Schreiben/Paid Editing folgten.

Wie auch das „echte“ Unwort des Jahres – für 2013 wurde Sozialtourimus gewählt – spiegelt das Wikipedia-Unwort die großen Diskussionen und Streitpunkte wider, die das vergangene Jahr geprägt haben. Grund genug, die Wörter einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Am Begriff Premiumautor, der schon im Vorjahr fast 10% der Stimmen erhielt, ist zunächst nichts negatives zu finden. Die Wikipedia-Community bezeichnet damit anerkennend – und mit etwas Augenzwinkern – diejenigen ehrenamtlichen Autoren, die besonders viele exzellente und lesenswerte Artikel schreiben. Daher sorgte es auch bei manchem Wikipedianer für Verstimmung, dass ausgerechnet dieser Begriff auf dem ersten Platz landete. Der Unmut der Abstimmenden bezog sich aber, das wurde in den Diskussionen und Begründungen deutlich, gar nicht auf die inhaltliche Arbeit ebendieser Premiumautoren. Vielmehr wurde kritisiert, dass diesen Personen immer wieder ein Persilschein ausgestellt werde, wenn es um den Umgangston oder das Verhalten gegenüber anderen Projektmitarbeitern ginge. Diese würden dadurch degradiert, obwohl sie einen ebenso großen Beitrag zur Wikipedia leisteten.

Die beiden Begriffe Gender Gap und Genderscheiße beziehen sich beide auf die seit mehreren Jahren geführte Diskussion um die unbestritten ungleiche Verteilung der Geschlechter unter den Wikipedianern. Die Wikipedia-Betreibergesellschaft Wikimedia Foundation und ihre nationalen Chapter – wie Wikimedia Deutschland – versucht mit verschiedenen Programmen und Aktionen, mehr Frauen für die Wikipedia zu gewinnen. Da bislang keine nennenswerten Erfolge zu verzeichnen sind, weiterhin jedoch viel Zeit und Geld investiert wird, empfinden viele Wikipedianer die immer wieder entfachten Diskussionen zu dem Thema als nervig und ermüdend. Dies drückt sich besonders drastisch im Begriff „Genderscheiße“ aus, der besonders betont, dass die Aktionen und Diskussionen völlig nutzlos und unwichtig seien – was offensichtlich von vielen Abstimmenden nicht so gesehen wird. Bei der Erstauflage kam Gender Gap übrigens nur auf Platz 4.

Im Vergleich wenige Stimmen wurden für Bezahltes Schreiben/Paid Editing abgegeben, das im Jahr 2013 breit diskutiert und schon in unserem letzten Blogbeitrag ausführlich beleuchtet wurde. Hier zeigt sich, dass die Wikipedia-Community dem Thema insgesamt unemotional und neutral, teilweise auch gleichgültig gegenübersteht.

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Paid advocacy editing, oder: Wikipedia für Geld?

Unlängs hat die Wikimedia Foundation eine Mitarbeiterin wegen bestimmter Nebentätigkeiten entlassen. Sarah Stierch, eine junge Dame aus Amerika, nahm Aufträge an, gegen Geld Wikipedia-Artikel zu bearbeiten (so noch im Dezember für 300 Dollar). Ein Snapshot ihrer Eigenwerbung, ein Blog-Beitrag eines empörten Wikipedianers und dann eine Mail zur WMF-Mailingliste hat dann dafür gesorgt, dass die Dame nicht mehr bei der WMF arbeitet. Dort hatte sie Neulinge betreut und sich vor allem dafür eingesetzt, dass mehr Frauen sich an der Wikipedia beteiligen.

Warum hat die Wikimedia Foundation so dramatisch reagiert? Es haben sich offensichtlich drei Problemfelder überschnitten: das nichtneutrale Bearbeiten (advocacy), das Bearbeiten unter falschem Schild (sock puppetry), das Bearbeiten nach Bezahlung (paid editing).

Nicht neutral ist ein Bearbeiter, wenn er eine bestimmte Meinung in Wikipedia-Artikeln durchsetzen möchte. Wo aber liegt da die Grenze? Links- und Rechtsextremisten soll der Durchmarsch natürlich verwehrt werden, was aber ist mit jemandem, der als Umweltschützer eine bestimmte Meinung hat oder in der Sprachwissenschaft einer bestimmten Schule angehört? Soll einem Parteimitglied verboten sein, über Politik zu schreiben, da seine Haltung gegenüber der Fünf-Prozent-Hürde davon abhängen könnte, ob er in der SPD oder der AfD aktiv ist? Letztlich muss es hier wohl um die Neutralität der einzelnen Bearbeitung gehen.

Beim Bearbeiten unter einem falschen Schild spricht man von einer “Sockenpuppe“. Jedem steht es frei, sich in der Wikipedia mit seinem Benutzerkonto als reale Person erkennen zu geben oder nicht. Außerdem darf man auch mehrere Benutzerkonten anlegen und verwenden. Es könnte ja sein, dass jemand ab und zu Themen bearbeitet, mit denen er öffentlich nicht assoziiert werden will, weil er beispielsweise nicht will, dass jeder wissen kann, dass er sich für eine bestimmte Krankheit interessiert (womöglich, weil er selbst darunter leidet). Das Schimpfwort “Sockenpuppe” ist hingegen dann angebracht, wenn jemand weitere Benutzerkonten missbräuchlich einsetzt, etwa wenn er in einer Diskussion so tut, als wenn seine Meinung von mehreren Leuten (= er selbst) geteilt wird.

Es muss an sich noch nicht einmal verwerflich sein, wenn jemand für das Wikipedia-Bearbeiten bezahlt wird. Einst gab es einen Bearbeiter der Wikipedia auf Rätoromanisch, der diese kleine Sprachversion voran bringen sollte und dafür von einer örtlichen Organisation für diese Sprache unterstützt wurde. In der deutschsprachigen Wikipedia hat früher Achim Raschka im Auftrag über Nachwachsende Rohstoffe geschrieben. Kritisch jedoch wird es vor allem gesehen, wenn einer im Auftrag eines kommerziellen Unternehmens bearbeitet, um etwa die öffentliche Meinung über dieses Unternehmen oder eines ihrer Produkte zu manipulieren.

Nun stelle man sich vor, ein PR-Berater nimmt einen Auftrag an, für eine Firma den Wikipedia-Artikel üer diese Firma zu “verbessern”. Er dürfte durch die Verwendung “geeigneter” Benutzerkonten versuchen, seinen Auftrag und sein interessegeleitetes Bearbeiten zu verschleiern. Wegen der Bezahlung hat er mehr Zeit als die Ehrenamtlichen, die sich um eine neutrale Wikipedia bemühen: “paid advocacy editing”.

Solche Fälle wurden in der Vergangenheit mehrmals aufgedeckt, nun aber betraf es eine Mitarbeiterin der WMF. Da die junge Amerikanerin sehr bekannt und beliebt war in der Community, der sie selbst entstammt, kamen bereits Stimmen auf, dass die WMF überreagiert habe. Dem hielt aber ein Brite entgegen, dass die Kritik gegenüber der WMF wohl nicht geringer gewesen wäre, wenn die Dame weiterhin für die WMF hätte tätig sein dürfen. Schließlich ist Glaubwürdigkeit das wertvollste Kapital der Wikipedia und der WMF.

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Was wir Denis Diderot zu verdanken haben

Denis Diderot, Gemälde von Dimitry Levitzky 1773

Denis Diderot, Gemälde von Dimitry Levitzky 1773

Wer sich mit der Geschichte der Enzyklopädien beschäftigt, wird an Denis Diderot (1713-1784) kaum vorbeikommen. Aber liegt das allein an seinen Verdiensten, oder an der Vorliebe von Bildungshistorikern für politisch Verfolgte und die Aufklärung?

Als eine Gruppe von Herausgebern eine englischsprachige Enzyklopädie ins Französische übertragen sehen wollte, machte sie den Schriftsteller Diderot zum Chefredakteur. Frankreich war ein Polizeistaat, der bereits den jungen Diderot in Bedrängnis brachte, und Diderots gewitzte, nicht immer gut verborgene Angriffe auf Staat und Kirche bereiteten dem Projekt erhebliche Schwierigkeiten. Aber allgemein kann gesagt werden, dass es an Diderots letztlich aufgebrachter Disziplin und Zurückhaltung lag, die zur Vollendung der ”Encyclopédie” führten. Wir nennen sie längst nicht mehr nach ihrem langatmigen vollen Titel, sondern die “große französische Enzyklopädie”, oder verbinden sie mit Diderots Namen (der andere Chefredakteur, D’Alembert, hatte das Projekt auf halben Wege im Stich gelassen).

Wie besonders war das Werk? Es führte die Bezeichnung ”Enzyklopädie” endgültig als Gattungsbezeichnung ein, auch wenn es nicht das erste mit diesem Titel war. Nennenswert ist der große, so am Anfang gar nicht geplante Umfang, auch wenn es nicht das umfangreichste Nachschlagewerk seiner Zeit war; dies gilt nämlich für Zedlers Universallexikon. Inhaltlich bemerkenswert, wenngleich auch nicht einzigartig, waren politische Einschübe, die nicht mit dem Strom der Zeit schwammen, während Enzyklopädien in der Regel eher die herrschenden Meinungen abbilden. Schließlich sorgte Diderot für eine enorme Anzahl von Zeichnungen aus der Welt des Handwerks, über das frühere Autoren eher die Nase gerümpft haben; dies ist vielleicht sogar das eindeutigste Alleinstellungsmerkmal von Diderots Enzyklopädie.

Diderots Verdienste sind also durchaus zu würdigen, wobei er selbst der Nachwelt viel lieber als Theaterschriftsteller in Erinnerung geblieben wäre, während die ”Encyclopédie” ihm in erster Linie als Broterwerb diente. Als Säulenheiliger der Wikipedia eignet er sich wohl eher nicht. Diese Ehre müsste viel mehr dem weitgehend unbekannten Louis de Jaucourt (1704-1779) zukommen, dem Nachfolger D’Alemberts. Diderot bespöttelte ihn als “pedantischen Vielschreiber”, aber passt so eine Beschreibung nicht vorzüglich für die Menschen, denen wir die Wikipedia zu verdanken haben?

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Wikipedia-Geschichte als Podcast

Tim Pritlove hat sich in der 205. Ausgabe seines Podcasts CRE in der gewohnten Ausführlichkeit mit dem Softwareentwickler Jens Ohlig über die aktuelle technische Entwicklung von Wikipedia unterhalten. Es geht vor allem um Wikidata, eine ontologische Datenbank revolutioniert die Erfassung und Verarbeitung der Wikipedia, heißt es im Untertitel des Interviews.

CRE führt damit eine Reihe fort, die bereits im Jahr 2007 begann. Damals gab Martin Haase Auskunft zu Wikipedia für Fortgeschrittene. Ein Jahr später ging es dann, wiederum mit dem Benutzer:Maha, um das Qualitätsmanagement in der Wikipedia. Anlass war die seinerzeitige Diskussion um die Relevanzkriterien und um die Praxis beim Löschen von Artikeln. 2009 unterhielt sich dann der heutige Wikiteam-Referent Raimond Spekking mit Tim Pritlove über die Software hinter der Wikipedia, nämlich Mediawiki – die universelle Wikimaschine der Wikipedia.

So gesehen, war es Zeit für ein Update, denn seit 2009 hat sich bekanntlich viel getan. Andererseits ist hier ein Archiv entstanden, in dem die Geschichte der Wikipedia dokumentiert worden ist, denn in den Gesprächen geht es jeweils um die aktuellen Debatten und Entwicklungen. Deshalb sind auch die älteren Beiträge auch mit einigem zeitlichem Abstand immer noch sehr hörenswert.

Wer CRE noch nicht kennt: Den Podcast gibt es seit 2005, ursprünglich unter dem Namen Chaosradio Express. Der Name wurde 2011 zu CRE – Technik, Kultur, Gesellschaft geändert, als sich das Projekt vom Chaosradio des Chaos Computer Clubs löste. CRE hat sich sozusagen zum Schulfunk der Hackerszene gemausert.

Übrigens bietet auch der Chaos Computer Club ein Bildungsprogramm für Schulen an, Chaos macht Schule. Und auch dazu gibt es natürlich einen Podcast aus dem Jahr 2012.

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Wiki und Deutsch als Fremdsprache(n)

Umgemischte Gruppen bei der Artikelkorrektur

Umgemischte Gruppen bei der Artikelkorrektur

Im Dezember 2013 fand ein dreitägiger “Wiki-Workshop Danzig” statt, ausgerichtet vom Goethe-Institut. In der nordpolnischen Hafenstadt sollten etwa 20 Schüler aus Danziger Oberschulen (15-18 Jahre) ihr Deutsch verbessern und die praktische Wiki-Arbeit kennenlernen. Ich war relativ kurzfristig für Leitung und Durchführung angeheuert worden und sah mich in einem schneefreien, gar nicht mal so kalten Danzig in der Vorweihnachtszeit wieder.

Still, gar schüchtern waren die Schüler mit ihren recht unterschiedlichen Deutschkenntnissen, und nur langsam tauten sie auf. Ihre Aufgabe: Sie sollten in Kleingruppen an Artikeln zu ihrer Heimatstadt schreiben, über Sport, Kultur, oder historisch bzw. touristisch Interessantes. Für diese Art von Workshops hatte das Goethe-Institut ein eigenes Wiki eingerichtet. Ich machte es mir also zum Ziel, die Schüler möglichst frei und vor allem ohne sprachliche Korrektur schreiben, schreiben, schreiben zu lassen, mit dem Wiki als Instrument, nicht als Selbstzweck.

Ideen sammeln für die Artikelbeurteilung

Ideen sammeln für die Artikelbeurteilung

Es zeigte sich, dass ein Wiki sich vorzüglich im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht einsetzen lässt:

  • Die Oberfläche und Erklärungen sind auf Deutsch, das rudimentär verstanden werden muss, um mit dem Wiki umgehen zu können.
  • Hauptnutzen des Wikis ist es, als Plattform für die Textproduktion zu dienen. Auch nachträglich kann korrigiert werden; in einer letzten Phase haben umgemischte Gruppen einander korrigiert.
  • Die Verlinkung und die Einbindung von Medien können geübt werden. Manche Schüler nannten es in der Evaluation ausdrücklich als interessant, ein wenig “Programmieren” (das Verwenden von Wikisyntax) gelernt zu haben.

Zu der großen Disziplin und Produktivität mag beigetragen haben, dass sich im Wiki Bearbeitungen leicht nachvollziehen lassen. Die Schüler konnten sich beobachtet fühlen, ihnen war deutlich gemacht worden, dass ihre Texte sofort öffentlich im Internet zu sehen sind. Vandalismus oder Plagiatsprobleme gab es überhaupt nicht.

Das Resultat war also sehr erfreulich, was will man mehr? Mehr Dokumentation, mehr Erfahrungsaustausch. Auch wenn (oder gerade weil) jeder Workshop anders ist, so wäre eine noch ausführlichere Anleitung für solche Wiki-Workshops hilfreich, nicht zuletzt, um das Konzept weiter zu verbreiten und auch für Lehrende ohne Wiki(pedia)-Hintergrund leichter einzusetzen.

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Die Wikipedia abschalten?

Kürzlich sagte bei einem Vortrag an einer westdeutschen Universität eine Studentin: „Ja, aber wer spendet denn für die Wikipedia? Ich selbst bin ja nur eine arme Studentin, aber da würde ich doch viel eher für Kinder in Afrika spenden!“

Ich, lächelnd: „Wie, was ich schreibe, das ist Ihnen keine Spende wert?“

Die Professorin: „Das verstehe ich nicht, wieso sollte man nicht spenden dafür? Angenommen, die Wikipedia würde mal drei Wochen lang blackout gehen, um das Bewusstsein für den Wert der Wikipedia zu erhöhen…“

Die Studenten sitzen da, schweigend, zu Tode erschrocken.

Allerdings wäre ein solcher Blackout, ein Abschalten der Wikipedia, nicht realistisch. Es gibt zahlreiche „Klone“ oder „Mirror sites“, auf die die Inhalte kopiert worden sind (und zwar völlig legal, sofern die Lizenzangaben eingehalten worden sind). Auch das ist eine Konsequenz des Konzeptes Freies Wissen.

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Die Wikimedia-Bewegung – ein problematischer Begriff

Der Begriff der sogenannten Wikimedia-Bewegung, der teilweise verwendet wird, ist unter Wikipedianern umstritten. Ist unsere Community eine „Bewegung“, und wenn ja, in welchem Sinne? Und, falls ja, ist das wiki:team ein Teil davon? Die Frage stellt sich, weil der Begriff auch in diesem Blog bereits verwendet worden ist.

Auf Englisch spricht man vom Wikimedia Movement, eine Bezeichnung, die schon wesentlich leichter anmutet als die schwer daherkommende deutsche „Bewegung“. Der Begriff der Bewegung ist politisch belastet wie es etwa die gebrochenen Schriften sind, die ebenfalls im kollektiven Gedächtnis mit dem Nationalsozialismus untrennbar verbunden werden. So denkt man etwa an München als die sogenannte „Hauptstadt der Bewegung“, weshalb, wie ein Münchener Wikipedianer uns am Rande der WikiCon gerade erklärte, man dort besser nicht von der „Wikimedia-Bewegung“ reden möge.

Andererseits bezeichnet eine Bewegung auch heute noch durchaus eine positive Sache, nämlich eine zivilgesellschaftliche Verbundenheit für ein gutes gemeinsames Ziel. Der Begriff ist in diesem Sinne aber selten in Gebrauch. So groß wie die Umweltbewegung, die 68er Bewegung, die Frauenbewegung, die Friedensbewegung oder, in neuerer Zeit, die Occupy-Bewegung sind wir nicht, das ist klar, und ein Vergleich damit wäre vielleicht auch vermessen. Obwohl: Wo beginnt die soziale Bewegung im zivilgesellschaftlichen Sinne? Sind 6000 Autoren mit mindestens fünf Bearbeitungen pro Monat in der deutschsprachigen Wikipedia nicht auch schon eine ganze Menge? Trotz der im Jahr 2013 stark fallenden Tendenz? Sie zeigen zumindest die Identifizierung mit dem gemeinsamen Ziel, das Projekt Wikipedia voranzubringen und aktiv durch eigene Beteiligung zu fördern.

Vielleicht suggeriert die „Bewegung“ doch zu sehr eine den einzelnen vereinnahmende „Masse“ und läßt der Individualität wenig Raum – wo es doch kaum etwas individuelleres gibt als die Wikipedia-Autoren. Deshalb könnte der Begriff der Community vorzugswürdig sein, der zudem weitaus differenzierter ist als derjenige der Bewegung. Es gibt eine Community aus Wikipedianern, es gibt Wikimedia- und sonstige Organisationen und Gruppen, die aus dieser Community hervorgegangen sind, und es gibt, drittens, gänzlich Außenstehende, beispielsweise im kulturellen Bereich, aber auch im Bildungswesen, mit denen wir in Kontakt stehen.

Unabhängig davon ist es denkbar, dass es verschiedene Beweggründe geben mag, sich in der Community oder auch im wiki:team zu engagieren. Der eine sieht sich als Teil der „Wikimedia-Bewegung“ und beteiligt sich daher auch an dieser Stelle. Und der andere lehnt den Bewegungs-Begriff ab und geht eher auf Distanz zu alledem. Die Beiträge im Blog des wiki:team sind namentlich gezeichnet und können in dem Sinne auch eine Vielfalt innerhalb des wiki:team anzeigen.

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WikiCon 2013

Die WikiCon, das große Zusammentreffen der deutschsprachigen Wikipedia-Community, fand in diesem Jahr vom 22. bis 24. November am Karlsruher Institut für Technologie statt. Wir nutzten diese Gelegenheit, unser neu formiertes Netzwerk und seine Entstehung vorzustellen.

Unter dem Titel Vom Referentennetzwerk zum wiki:team gab Ziko van Dijk den zahlreichen Zuhörern zunächst einen Überblick über die Entstehung des Wikipedia-Schulprojekts und das daraus hervorgegangene Referentennetzwerk. Interessierten sei hierzu sein Blogbeitrag Wikimedia Deutschland und das wiki:team empfohlen, der auch die Auflösung des Projekts durch Wikimedia Deutschland und die anschließende Neugründung als wiki:team nachzeichnet.

Auf den einführenden Vortrag folgte eine große Diskussionsrunde. Einig waren sich alle, dass Aufklärung über Wikipedia nach wie vor dringend notwendig sei. Zwar habe sich der Umgang von Schülern und Lehrern mit Wikipedia in den letzten Jahren gewandelt, dennoch wüssten die wenigsten, wie die Wikipedia-Inhalte tatsächlich zustande kommen. Einige der Zuhörer konnten erfreulicherweise von Erfahrungen mit AGs und Lehrveranstaltungen berichten, die sie in den letzten Jahren in Eigenregie durchgeführt haben. Wie auch wir, hatten sie die Erfahrung gemacht, dass das Interesse an den Menschen hinter dem Projekt und den internen Abläufen zugenommen hat. Gleichzeitig bringen die Teilnehmer mehr Vorwissen mit.

Gefragt wurde auch nach den Inhalten unserer Workshops,  dem Selbstverständnis der Referenten und dem Verhältnis zum ehemaligen Träger Wikimedia Deutschland. Hier versicherte Denis Barthel, Leiter des Team Community, dass der Verein Aufklärung über Wikipedia weiterhin für wichtig halte, zurzeit jedoch schwerpunktmäßig andere Ziele und Formate verfolge. Dennoch sei man an einer Zusammenarbeit interessiert und denke über eine Förderung nach, was von den Anwesenden positiv aufgenommen wurde.

Auch abseits unserer eigenen Veranstaltung war die WikiCon 2013 eine gelungene und interessante Konferenz. Die etwa 200 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigten sich in diesem Jahr verstärkt mit dem Umgang der Wikipedianer untereinander, der Wartung des Artikelbestands sowie den zahlreichen kleinen und größeren Projekten einzelner Benutzergruppen. An einem neuen Regelwerk für Wikipedia wurde dabei aber, entgegen anderslautender Presseberichte, nicht gearbeitet.

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