Wikipedia? Geh’ zum Arzt!

Ein Wissenschaftler auf der Suche nach Aufmerksamkeit, ebensolche Journalisten, und schon hat man die große Schlagzeile: Vertraut der Wikipedia nicht, 90 Prozent der Artikel über Gesundheitsthemen sind fehlerhaft. Da solle man doch besser den Arzt konsultieren, weiß der englische Telegraph.

“Neun von zehn medischen Einträgen in der Wikipedia sind fehlerhaft, sagen Ärzte”, und der Hauptautor der Studie, der Amerikaner Dr. Robert Hasty, erinnert daran, dass Wikipedia-Artikel nicht durch einen Peer-Review-Prozess gehen, anders als Artikel in medischen Fachzeitschriften.

"Schwester: Zange, Tupfer! Und gucken Sie mal in der Wikipedia nach, ob das hier wirklich der Blinddarm ist!" (US Navy, gemeinfrei)

“Schwester: Zange, Tupfer! Und gucken Sie mal in der Wikipedia nach, ob das hier wirklich der Blinddarm ist!” (US Navy, gemeinfrei)

Das Boulevard-Blatt stützt sich auf seinen Kollegen Daily Mail, der davor warnt, dass die so populäre Website Wikipedia von “normalen Benutzern” geschrieben werde, was das Risiko von Fehlern erhöhe. Allerdings wurden die Behauptungen auch von seriöseren Medien wie Time Magazine und BBC News übernommen, deren Journalisten ebenfalls keine Lust hatten, sich ihre schöne Story kaputt zu recherchieren.

Überprüfung der Studie unmöglich

Hastys Studie wurde umgehend von englischsprachigen Wikipedianern auseinandergenommen. Sie kritisierten unter anderem, dass die eigentliche Untersuchung von (namentlich nicht genannten) Praktikanten vorgenommen wurde und dass die zugrundeliegenden Daten unveröffentlicht geblieben sind.

Der Wikipedianer und Journalistik-Professor Andrew Lih interviewte zum Thema den kanadischen Arzt James Heilman, der vor einiger Zeit eine Wikipedia-Vereinigung für Gesundheitsthemen gegründet hat. Heilman hat sich die Studie, die bereits vor einigen Monaten veröffentlicht wurde, mehrmals durchgelesen. Er stellte fest, dass die Behauptungen nicht von der eigentlichen Untersuchung gestützt wurden. Dort fehlen auch konkrete Beispiele dafür, was angeblich in der Wikipedia falsch sei.

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Dr. James Heilman (CC-BY-SA)

In Interviews lieferte der Osteopath Hasty nun solche Beispiele, erklärt Heilman. In Bezug auf den Blutdruck kritisierte Hasty, dass die Wikipedia drei Methoden der Blutdruckmessung empfehle, bevor man erhöhten Blutdruck diagnostizieren könne.  Das dauere aber zu lange, zwei würden ausreichen, also gefährde die Wikipedia das Leben von Menschen. Heilman kontert, dass der Wikipedia-Artikel sich auf öffentliche britische Stellen und Fachzeitschriften berufe. Woher Hasty sein Wissen genau hat (es gibt eine amerikanische Stelle, die zwei Messmethoden empfiehlt), lasse sich aber nicht zurückverfolgen, weil Hasty über seine Quellen schweigt.

Hastys Untersucher scheinen auch sehr unterschiedliche Meinungen darüber zu haben, mit wie vielen Fehlern sie zu tun hatten. Und sobald sie auch nur eine einzige Fachquelle gefunden haben, die eine andere Meinung als ein Wikipedia-Artikel hat, dann gilt der Artikel als fehlerhaft. Was man aus dieser Zusammenschau von Fachzeitschriften herauslesen könne, meint Heilman, ist nur, dass die Fachwelt sich nicht immer einig ist.

Die Wikipedia hat nicht immer recht, sagt die Wikipedia

Einfache Antworten gibt es nun einmal nicht. Auch der Hausarzt kann sich nicht auf allen Gebieten gleich gut auskennen, darum holen sich viele Patienten eine zweite Meinung oder gehen zum Spezialisten. Eine Enzyklopädie hilft dem Patienten, ein wenig mündiger zu werden, doch selbst die Wikipedia warnt bei gesundheitsbezogenen Artikeln:

Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte Ihren Arzt.

Bei der Erkrankung eines Tieres konsultieren Sie bitte einen Tierarzt, der eine Untersuchung durchführen und eine fundierte Diagnose stellen kann.

Nehmen Sie Medikamente nur nach Absprache mit einem Arzt oder Apotheker ein.

Verwenden Sie Informationen aus der Wikipedia nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Die Artikel der Wikipedia werden offen erstellt und haben weder eine direkte redaktionelle Begleitung noch eine ständige Kontrolle. Auch wenn zahlreiche Teilnehmer ständig an ihrer Verbesserung arbeiten, können Beiträge falsch sein und möglicherweise gesundheitsgefährdende Empfehlungen enthalten.

Vielleicht sollten sich gewisse Medien daran ein Vorbild nehmen: “Verwenden Sie Informationen aus unserer Zeitung nicht als alleinige Grundlage für enzyklopädiebezogene Entscheidungen.”

Über Ziko van Dijk

Der Historiker Dr. Ziko van Dijk gibt seit 2007 Wikipedia-Kurse und hat die Wikipedia oder verwandte Themen in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, Museen und Vereinen behandelt. Ist u. a. Mitglied im Wikimedia Foundation Research Committee. Einige seiner Themen: Verständliches Schreiben, Regeln im Wiki und Wiki-Theorie, sprachliche Vielfalt, Wikimedia-Bewegung.
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Eine Antwort auf Wikipedia? Geh’ zum Arzt!

  1. Frank Schubert sagt:

    Wie gut das es in der Wikipedia nur die normalen Benutzer gibt. Denn auch ein Arzt hat das Recht auf seine Persönlichkeitsrechte. Das werden Leute wie Robert Hasty wohl nie verstehen. Mal abgesehen davon das es in diesem Bereich in der Wikipedia (zumindest in den großen Versionen) sehr wohl eine Art Peer-Review-Prozess gibt. Denn die jeweiligen Mitarbeiter der Portale:Medizin schreiben und korrigieren nicht, weil sie dafür bezahlt werden, sondern wie am Anfang ihres Studiums, weil sie anderen helfen wollen.

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