Eine Enzyklopädie durch oder für das Volk?

Manche Wikipedianer hängen noch immer dem Traum an, dass ein Wiki aus jedem Leser einen Beitragenden macht, dass im Web 2.0 die Grenze zwischen Konsumenten und Produzenten aufgehoben wird. Die Realität hält jedoch manch hartes Aufwachen parat.

Wikipedianer ziehen gern eine rote Linie zwischen sich und den  “traditionellen”, kommerziellen Anbietern von Inhalten. Hier die Guten, die mit Freien Lizenzen ihre Werke der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, dort die Bösen, die aus Profitgier Zugangsbarrieren erstellen und mit dem Abmahn-Anwalt kommen. Und das Volk steht natürlich auf der Seite der Guten, bei der Wikipedia, beziehungsweise, die Wikipedia steht beim Volke.

Man kann die rote Linie allerdings auch ganz anders ziehen: Hier die Guten, die Inhalte produzieren und sie gegen Bezahlung oder unentgeltlich zur Verfügung stellen, dort die Bösen, die alles Digitale bedenkenlos klauen: das Volk. Die Menschen übernehmen alles, was sie über Google finden, egal, ob es urheberrechtlich geschüzt ist oder freilizensiert. Lizenzangaben, selbst eine simple Namensnennung: zu viel verlangt.

Carl Frederik Sørensen: Die Seeschlacht bei Lissa, 1868

Carl Frederik Sørensen: Die Seeschlacht bei Lissa, 1868

In jüngerer Zeit geistern wieder vermehrt Plagiatsfälle durch die Presselandschaft. Zahllos sind die Kommentare, die unendlich viel Verständnis für die Plagiatoren äußern. Fakten könnten urheberrechtlich nicht geschützt werden, Lehrbuchwissen oder das, was im Lexikon steht, auch nicht. Wenn die Wikipedia also ein Lexikon ist, dann könne man sich einfach daraus bedienen.

Die Masse des Volkes hält “Abschreiben” für eine sehr lässliche Sünde, vergleichbar vielleicht mit Mundraub. Für anständige Autoren hingegen, die vom Schreiben leben oder denen es um die Anerkennung geht, fühlt sich das Plagiat an wie ein Einbruch.

Die Wikipedia ist gut genug dazu, aus ihr zu stehlen, aber Respekt zeigen und ordentlich zitieren? Besonders beschämend ist es, wenn Hochschullehrer oder Promovenden Wasser predigen, aber Wein trinken, nämlich von der Verwendung der Wikipedia abraten, aber selbst daraus plagiieren. Sie befinden sich nicht in guter, aber in großer Gesellschaft. Eine öffentliche Diskussion darüber? Hört sich gut an, aber wenn die Aufforderung dazu vom C.H. Beck-Verlag ausgeht, wirkt es doch reichlich pikant.

Über Ziko van Dijk

Der Historiker Dr. Ziko van Dijk gibt seit 2007 Wikipedia-Kurse und hat die Wikipedia oder verwandte Themen in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, Museen und Vereinen behandelt. Ist u. a. Mitglied im Wikimedia Foundation Research Committee. Einige seiner Themen: Verständliches Schreiben, Regeln im Wiki und Wiki-Theorie, sprachliche Vielfalt, Wikimedia-Bewegung.
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