Abmahnen bei Freien Lizenzen?

Das Bild des Anstoßes: Manfred Stolpe, fotografiert von Sebastian Heiser (Benutzer:Eilmeldung, CC-BY-SA, GFDL)

Das Bild des Anstoßes: Manfred Stolpe, fotografiert von Sebastian Heiser (Foto: Benutzer:Eilmeldung, CC-BY-SA, GFDL)

Der TAZ-Blogger Sebastian Heiser berichtet von seiner erzieherischen Maßnahme gegenüber der SPD. Ein Parteimitarbeiter hatte bei den Websites Netzwerkberlin.de sowie Manfred-Stolpe.de ein bestimmtes Foto des SPD-Politikers Manfred Stolpe verwendet. Heiser erkannte das Bild: Er selbst hatte es im Juni 2005 bei einer Podiumsveranstaltung geschossen und dann unter einer Freien Lizenz veröffentlicht. Der SPD-Mitarbeiter scherte sich jedoch nicht um die Lizenzbedingungen und vermeldete so auch nicht den Namen des Fotografen.

Heiser geht nach eigenen Angaben einer solchen Urheberrechtsverletzung nicht immer nach. “Aber in diesem Fall dachte ich mir: Warum sollen unter dem kaputten Urheberrecht immer nur die Leute leiden, die damit täglich arbeiten müssen? Und nicht auch mal die, die dafür verantworlich sind?”

Was ein Fehler kosten kann

So ließ er über einen Anwalt “abmahnen”. Nach einigem Hin und Her unterschrieb die SPD folglich eine Unterlassungserklärung. Außerdem zahlte sie einen Schadensersatz nach, vereinfacht gesagt, marktüblichen oder für diesen Fall zutreffenden Tarifen. Heiser rechnet nach: sein Anwalt habe 1.103,93 Euro gekostet, und der Anwalt der SPD wohl genauso viel. Ferner gingen 696,07 Euro an Urheber Heiser. Die SPD kostete dieser Fehler eines Mitarbeiters also etwa 2.900 Euro, davon nur 24 Prozent für den Urheber.

Heiser begründete seine Handlung damit, dass die SPD schließlich mit für das heutige Urheberrecht mit seinen Tücken und Nachteilen verantwortlich sei:

“Liebe SPD, könnt ihr das bitte reparieren? Als Mindestkriterien für ein neues Urheberrecht schlage ich vor

- dass ihr es versteht
- dass es so faire Regeln hat, dass ihr euch auch selbst dran haltet
- dass die Urheber mehr bekommen als die Anwälte”

Verständnis für das Abmahnen

Alles sympathische Forderungen, wenngleich in diesem Fall weniger das Urhebergesetz das Problem war. (Leonhard Dobusch geht damit in eine andere Richtung.) Vielmehr kennen die meisten Menschen das Urheberrecht nur sehr rudimentär und das Konzept Freies Wissen (oder allgemeiner: Freier Inhalte, Open Content) gar nicht. Und das, obwohl sie durch die Wikipedia und andere Angebote täglich die Vorteile dieses Konzepts genießen.

Ein Autor, ein Fotograf, ein Videofilmer usw. kann sich dafür entscheiden, seine Inhalte unter einer Freien Lizenz zu veröffentlichen. Davon darf dann jedermann problemlos und ohne zu Frage Gebrauch machen, wenn er sich denn auf die Lizenzbestimmungen einlässt. Wer die Bestimmungen nicht einhält und noch nicht einmal die redlicherweise selbstverständliche Namensnennung leistet: Wie soll man damit umgehen?

Wikipedianer haben oft die Erfahrung gemacht, dass ihre freundlichen Hinweise von den Urheberrechtsverletzern einfach ignoriert wurden. Mir selbst ist dies bereits passiert; in Vorträgen habe ich es sogar erlebt, dass unbedachte Zeitgenossen mich gefragt haben, ob denn “was passieren” könne, wenn man zum Beispiel ein Bild “einfach so” übernimmt. Mit anderen Worten: Da fragt man einen Eigentümer, wie hoch das Risiko ist, ihn zu bestehlen.

Wenn manche Wikipedianer und sonstige Jünger Freier Inhalte dann abmahnen, empfinden andere dies eher als anrüchig.  Verständnis für ein anwaltliches Abmahnen gibt es vor allem, wenn ein Urheberrechtsverletzer kommerziell tätig ist oder zu einer großen Organisation gehört, von der man ausgehen darf, dass sie sorgfältiger vorgeht als ein Hobby-Homepage-Webmaster. Und überhaupt: Wenn meist ehrenamtlich Tätige für Freie Inhalte sorgen, kann man dann nicht von den Nachnutzern verlangen, dass sie ein wenig über Freie Lizenzen dazulernen und die Bestimmungen einhalten?

Die Aufklärung einfach (und) besser machen

Zur ganzen Wahrheit gehört es allerdings, dass die Jünger Freier Inhalte dem Rest der Menschheit das Verstehen nicht gerade vereinfachen. Das Wort “frei” ist nicht nur im Englischen missverständlich, wo es in erster Linie als “kostenlos” aufgefasst wird (“for free”). Auf dem Gebiet der Software hat dies entsprechend dazu geführt, dass manche statt von “free” von “open” sprechen, aber so viel ist damit noch nicht gewonnen.

Fotografen verwenden übrigens gern den Begriff “lizenzfrei”, da ein Bezahlmodell meist auf einer Lizenz beruht. Von “lizenzfrei” zu “frei lizensiert” ist es sprachlich nur ein kleiner Schritt, rechtlich bleibt es ein Riesenunterschied. Umso schlimmer ist es, wenn manchmal sogar Angestellte von Wikimedia-Organisationen behaupten, die Inhalte der Wikipedia seien “rechtefrei” und könnten “einfach wiederverwendet werden, ohne jemanden zu fragen.” Solche missverständlichen oder schlicht falschen Wendungen sind ein Rezept für Fehltritte und schaden dem Konzept Freies Wissen.

Bei Wikimedia Commons könnte man die Weiternutzung einfacher machen. Eine Dateibeschreibungsseite dort ist übervoll mit schwer verständlichen Texten, und bei den Funktionen zum “Einbinden” (oberhalb der Datei) erhält man Software-Code. Warum gibt man dem Nachnutzer nicht einfach eine solche Information an die Hand: “Notwendige Angabe bei der Wiederverwendung dieser Datei: Benutzer:Eilmeldung, CC-BY-SA / GFDL)”. Einfach und deutlich, und bitte nicht zwischen allerlei technischen Angaben verstecken.

Erfahrungen in Vorträgen und Kursen zeigen, dass man das Konzept Freies Wissen nicht innerhalb von zwei-drei Sätzen abhandeln kann. Man muss und sollte sich für das Konzept Zeit nehmen, und den Teilnehmern wird endlich verständlich, warum das Konzept so wichtig ist beim Erstellen einer Freien Enzyklopädie. Und bei der Weiternutzung, natürlich.

Über Ziko van Dijk

Der Historiker Dr. Ziko van Dijk gibt seit 2007 Wikipedia-Kurse und hat die Wikipedia oder verwandte Themen in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, Museen und Vereinen behandelt. Ist u. a. Mitglied im Wikimedia Foundation Research Committee. Einige seiner Themen: Verständliches Schreiben, Regeln im Wiki und Wiki-Theorie, sprachliche Vielfalt, Wikimedia-Bewegung.
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3 Antworten auf Abmahnen bei Freien Lizenzen?

  1. Michael Reschke sagt:

    Schöner Bericht. Das Problem bleibt: Freie Lizenzen atmen den Geist des Urheberrechts und außerhalb dieses Kosmos sind wir direkt im Bereich “Gemeinfreiheit”, die auch eher nur wenige wirklich wollen. M. E. gibt es da noch einen Unterschied zwischen Free Software und Open Source, wobei Free Software das weitergehende Konzept beschreibt…

    • Martin sagt:

      Eigentlich sollte man beim wiki:team doch wissen, wie eine korrekte Attribution auszusehen hat? Beim Stolpe-Bild oben fehlt leider der bei der Online-Nutzung obligatorische Link zum vollständigen Lizenztext bzw. dem zugehörigen Deed:
      https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

      Außerdem finde ich die interne Bezeichnung „Benutzer:“ etwas missverständlich. Allgemeinverständlicher wäre sicher „Photo:“ oder „Quelle:“ und ein „Lizenz:“ vor diesen für Laien krypischen Kürzeln.

      Und ein Link zum Nutzer oder der Bildbeschreibungsseite auf Commons wäre sicher auch ein nicht zu verachtender Service.

      Also: Mit gutem Beispiel vorangehen und für saubere Attributionen sorgen!

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