Ein Wiki für alle Fälle?

Wenn eine Sache begeistert, dann kann sie auch zu übertriebener Begeisterung führen. Manchmal trifft man auf Fans der Wikipedia, für die ein Wiki die Lösung für so ziemlich alles ist. Nüchtern betrachtet hat ein Wiki Vor- und Nachteile, und es hängt vom konkreten Problem ab, ob ein Wiki eine Lösung sein kann.

So hatte ein bestimmter Verein traditionell sowohl ein Vorstands- und ein Vereinswiki. Schließlich kamen eine Website und die Verwendung von Google Drive (bzw. Google Docs) hinzu. Die Website hat sich als nützliches Aushängeschild für die Außenwelt erwiesen, das Vereinswiki als viel benutzte Plattform für aktive Vereinsmitglieder; beide sind öffentlich. Kann sich aber der Vorstand, wenn er Google Drive hat, nicht mittlerweile das Vorstandswiki sparen?

Google Drive, mit dem man Dokumente wie Textdokumente oder Tabellen gemeinsam bearbeiten kann, ist relativ leicht zu bedienen. Besonders praktisch: Man kann pro Dokument angeben, welche Personen genau Zugang haben sollen. Oft arbeiten bei einer konkreten Vereinshandlung die Vorstandsmitglieder, oder manche Vorstandsmitglieder, aber auch andere Ehrenamtliche und einige Mitgarbeiter zusammen. Außerdem kann man wirklich simultan arbeiten, etwa auf einer Vorstandssitzung zeitgleich und gemeinsam das Protokolldokument bearbeiten und sehen, wie der Text wächst.

Das Vorstandswiki hat demgegenüber dem Nachteil, dass ein Wiki genau genommen nur konsekutiv bearbeitet werden kann: Der eine ändert und speichert ab, der andere kann erst danach bearbeiten. Sonst kommt es zum Bearbeitungskonflikt. Außerdem haben nur die Vorstandsmitglieder Zugang. Man könnte, mit etwas Aufwand, im Wiki Namensräume mit unterschiedlichen Zugangsregeln einrichten, das wäre jedoch insgesamt unpraktikabel.

Allerdings hat das Wiki gegenüber Google Drive auch unbestrittene Vorteile. Arbeitet man an einer größeren Zahl von Dokumenten, die demselben Personenkreis zur Verfügung stehen sollen, dann gibt man einer Person Zugang für alles, und wenn die Person nicht mehr dem Kreis angehört, hier wegen Verlassen des Vorstands, dann entzieht man ihr diesen Zugang einfach wieder. Bei der Google-Drive-Lösung müsste man aufwändigerweise pro Dokument die jeweiligen Freigaben pro Person regeln. Außerdem stößt Google Drive anscheinend an Grenzen, wenn viele Leute sich beteiligen, darum sind seinerzeit die Guttenberg-Plagiatsjäger rasch zu einem Wiki gewechselt.

Viele Seiten, gedacht für viele Beitragende, angelegt auf Dauer, und meist öffentlich oder gleichberechtigt für einen bestimmten Personenkreis: Dafür eignet sich häufig ein Wiki. Für andere Kommunikationssituationen können andere Lösungen passender sein.

Über Ziko van Dijk

Der Historiker Dr. Ziko van Dijk gibt seit 2007 Wikipedia-Kurse und hat die Wikipedia oder verwandte Themen in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, Museen und Vereinen behandelt. Ist u. a. Mitglied im Wikimedia Foundation Research Committee. Einige seiner Themen: Verständliches Schreiben, Regeln im Wiki und Wiki-Theorie, sprachliche Vielfalt, Wikimedia-Bewegung.
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