Was wir Denis Diderot zu verdanken haben

Denis Diderot, Gemälde von Dimitry Levitzky 1773

Denis Diderot, Gemälde von Dimitry Levitzky 1773

Wer sich mit der Geschichte der Enzyklopädien beschäftigt, wird an Denis Diderot (1713-1784) kaum vorbeikommen. Aber liegt das allein an seinen Verdiensten, oder an der Vorliebe von Bildungshistorikern für politisch Verfolgte und die Aufklärung?

Als eine Gruppe von Herausgebern eine englischsprachige Enzyklopädie ins Französische übertragen sehen wollte, machte sie den Schriftsteller Diderot zum Chefredakteur. Frankreich war ein Polizeistaat, der bereits den jungen Diderot in Bedrängnis brachte, und Diderots gewitzte, nicht immer gut verborgene Angriffe auf Staat und Kirche bereiteten dem Projekt erhebliche Schwierigkeiten. Aber allgemein kann gesagt werden, dass es an Diderots letztlich aufgebrachter Disziplin und Zurückhaltung lag, die zur Vollendung der ”Encyclopédie” führten. Wir nennen sie längst nicht mehr nach ihrem langatmigen vollen Titel, sondern die “große französische Enzyklopädie”, oder verbinden sie mit Diderots Namen (der andere Chefredakteur, D’Alembert, hatte das Projekt auf halben Wege im Stich gelassen).

Wie besonders war das Werk? Es führte die Bezeichnung ”Enzyklopädie” endgültig als Gattungsbezeichnung ein, auch wenn es nicht das erste mit diesem Titel war. Nennenswert ist der große, so am Anfang gar nicht geplante Umfang, auch wenn es nicht das umfangreichste Nachschlagewerk seiner Zeit war; dies gilt nämlich für Zedlers Universallexikon. Inhaltlich bemerkenswert, wenngleich auch nicht einzigartig, waren politische Einschübe, die nicht mit dem Strom der Zeit schwammen, während Enzyklopädien in der Regel eher die herrschenden Meinungen abbilden. Schließlich sorgte Diderot für eine enorme Anzahl von Zeichnungen aus der Welt des Handwerks, über das frühere Autoren eher die Nase gerümpft haben; dies ist vielleicht sogar das eindeutigste Alleinstellungsmerkmal von Diderots Enzyklopädie.

Diderots Verdienste sind also durchaus zu würdigen, wobei er selbst der Nachwelt viel lieber als Theaterschriftsteller in Erinnerung geblieben wäre, während die ”Encyclopédie” ihm in erster Linie als Broterwerb diente. Als Säulenheiliger der Wikipedia eignet er sich wohl eher nicht. Diese Ehre müsste viel mehr dem weitgehend unbekannten Louis de Jaucourt (1704-1779) zukommen, dem Nachfolger D’Alemberts. Diderot bespöttelte ihn als “pedantischen Vielschreiber”, aber passt so eine Beschreibung nicht vorzüglich für die Menschen, denen wir die Wikipedia zu verdanken haben?

Über Ziko van Dijk

Der Historiker Dr. Ziko van Dijk gibt seit 2007 Wikipedia-Kurse und hat die Wikipedia oder verwandte Themen in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, Museen und Vereinen behandelt. Ist u. a. Mitglied im Wikimedia Foundation Research Committee. Einige seiner Themen: Verständliches Schreiben, Regeln im Wiki und Wiki-Theorie, sprachliche Vielfalt, Wikimedia-Bewegung.
Dieser Beitrag wurde unter Wikipedistik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>