Paid advocacy editing, oder: Wikipedia für Geld?

Unlängs hat die Wikimedia Foundation eine Mitarbeiterin wegen bestimmter Nebentätigkeiten entlassen. Sarah Stierch, eine junge Dame aus Amerika, nahm Aufträge an, gegen Geld Wikipedia-Artikel zu bearbeiten (so noch im Dezember für 300 Dollar). Ein Snapshot ihrer Eigenwerbung, ein Blog-Beitrag eines empörten Wikipedianers und dann eine Mail zur WMF-Mailingliste hat dann dafür gesorgt, dass die Dame nicht mehr bei der WMF arbeitet. Dort hatte sie Neulinge betreut und sich vor allem dafür eingesetzt, dass mehr Frauen sich an der Wikipedia beteiligen.

Warum hat die Wikimedia Foundation so dramatisch reagiert? Es haben sich offensichtlich drei Problemfelder überschnitten: das nichtneutrale Bearbeiten (advocacy), das Bearbeiten unter falschem Schild (sock puppetry), das Bearbeiten nach Bezahlung (paid editing).

Nicht neutral ist ein Bearbeiter, wenn er eine bestimmte Meinung in Wikipedia-Artikeln durchsetzen möchte. Wo aber liegt da die Grenze? Links- und Rechtsextremisten soll der Durchmarsch natürlich verwehrt werden, was aber ist mit jemandem, der als Umweltschützer eine bestimmte Meinung hat oder in der Sprachwissenschaft einer bestimmten Schule angehört? Soll einem Parteimitglied verboten sein, über Politik zu schreiben, da seine Haltung gegenüber der Fünf-Prozent-Hürde davon abhängen könnte, ob er in der SPD oder der AfD aktiv ist? Letztlich muss es hier wohl um die Neutralität der einzelnen Bearbeitung gehen.

Beim Bearbeiten unter einem falschen Schild spricht man von einer “Sockenpuppe“. Jedem steht es frei, sich in der Wikipedia mit seinem Benutzerkonto als reale Person erkennen zu geben oder nicht. Außerdem darf man auch mehrere Benutzerkonten anlegen und verwenden. Es könnte ja sein, dass jemand ab und zu Themen bearbeitet, mit denen er öffentlich nicht assoziiert werden will, weil er beispielsweise nicht will, dass jeder wissen kann, dass er sich für eine bestimmte Krankheit interessiert (womöglich, weil er selbst darunter leidet). Das Schimpfwort “Sockenpuppe” ist hingegen dann angebracht, wenn jemand weitere Benutzerkonten missbräuchlich einsetzt, etwa wenn er in einer Diskussion so tut, als wenn seine Meinung von mehreren Leuten (= er selbst) geteilt wird.

Es muss an sich noch nicht einmal verwerflich sein, wenn jemand für das Wikipedia-Bearbeiten bezahlt wird. Einst gab es einen Bearbeiter der Wikipedia auf Rätoromanisch, der diese kleine Sprachversion voran bringen sollte und dafür von einer örtlichen Organisation für diese Sprache unterstützt wurde. In der deutschsprachigen Wikipedia hat früher Achim Raschka im Auftrag über Nachwachsende Rohstoffe geschrieben. Kritisch jedoch wird es vor allem gesehen, wenn einer im Auftrag eines kommerziellen Unternehmens bearbeitet, um etwa die öffentliche Meinung über dieses Unternehmen oder eines ihrer Produkte zu manipulieren.

Nun stelle man sich vor, ein PR-Berater nimmt einen Auftrag an, für eine Firma den Wikipedia-Artikel üer diese Firma zu “verbessern”. Er dürfte durch die Verwendung “geeigneter” Benutzerkonten versuchen, seinen Auftrag und sein interessegeleitetes Bearbeiten zu verschleiern. Wegen der Bezahlung hat er mehr Zeit als die Ehrenamtlichen, die sich um eine neutrale Wikipedia bemühen: “paid advocacy editing”.

Solche Fälle wurden in der Vergangenheit mehrmals aufgedeckt, nun aber betraf es eine Mitarbeiterin der WMF. Da die junge Amerikanerin sehr bekannt und beliebt war in der Community, der sie selbst entstammt, kamen bereits Stimmen auf, dass die WMF überreagiert habe. Dem hielt aber ein Brite entgegen, dass die Kritik gegenüber der WMF wohl nicht geringer gewesen wäre, wenn die Dame weiterhin für die WMF hätte tätig sein dürfen. Schließlich ist Glaubwürdigkeit das wertvollste Kapital der Wikipedia und der WMF.

Über Ziko van Dijk

Der Historiker Dr. Ziko van Dijk gibt seit 2007 Wikipedia-Kurse und hat die Wikipedia oder verwandte Themen in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, Museen und Vereinen behandelt. Ist u. a. Mitglied im Wikimedia Foundation Research Committee. Einige seiner Themen: Verständliches Schreiben, Regeln im Wiki und Wiki-Theorie, sprachliche Vielfalt, Wikimedia-Bewegung.
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