Das Unwort des Jahres 2013: Premiumautor

Vor wenigen Tagen wurde zum zweiten Mal das Wikipedia-„Unwort des Jahres“ gekürt. Analog zu seinem bekannten Vorbild konnten hierzu über mehrere Wochen hinweg Vorschläge abgegeben werden. Die Wahl erfolgte dann jedoch nicht durch eine Jury, sondern in offener Abstimmung. Genau 80 Wikipedianer gaben ihre bis zu drei Stimmen ab. Auf dem ersten Platz landete der Premiumautor, für den gut 31% der Teilnehmer stimmten. Knapp dahinter platzierten sich Gender Gap und Genderscheiße, bevor mit immerhin noch 12,5% die Synonyme Bezahltes Schreiben/Paid Editing folgten.

Wie auch das „echte“ Unwort des Jahres – für 2013 wurde Sozialtourimus gewählt – spiegelt das Wikipedia-Unwort die großen Diskussionen und Streitpunkte wider, die das vergangene Jahr geprägt haben. Grund genug, die Wörter einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Am Begriff Premiumautor, der schon im Vorjahr fast 10% der Stimmen erhielt, ist zunächst nichts negatives zu finden. Die Wikipedia-Community bezeichnet damit anerkennend – und mit etwas Augenzwinkern – diejenigen ehrenamtlichen Autoren, die besonders viele exzellente und lesenswerte Artikel schreiben. Daher sorgte es auch bei manchem Wikipedianer für Verstimmung, dass ausgerechnet dieser Begriff auf dem ersten Platz landete. Der Unmut der Abstimmenden bezog sich aber, das wurde in den Diskussionen und Begründungen deutlich, gar nicht auf die inhaltliche Arbeit ebendieser Premiumautoren. Vielmehr wurde kritisiert, dass diesen Personen immer wieder ein Persilschein ausgestellt werde, wenn es um den Umgangston oder das Verhalten gegenüber anderen Projektmitarbeitern ginge. Diese würden dadurch degradiert, obwohl sie einen ebenso großen Beitrag zur Wikipedia leisteten.

Die beiden Begriffe Gender Gap und Genderscheiße beziehen sich beide auf die seit mehreren Jahren geführte Diskussion um die unbestritten ungleiche Verteilung der Geschlechter unter den Wikipedianern. Die Wikipedia-Betreibergesellschaft Wikimedia Foundation und ihre nationalen Chapter – wie Wikimedia Deutschland – versucht mit verschiedenen Programmen und Aktionen, mehr Frauen für die Wikipedia zu gewinnen. Da bislang keine nennenswerten Erfolge zu verzeichnen sind, weiterhin jedoch viel Zeit und Geld investiert wird, empfinden viele Wikipedianer die immer wieder entfachten Diskussionen zu dem Thema als nervig und ermüdend. Dies drückt sich besonders drastisch im Begriff „Genderscheiße“ aus, der besonders betont, dass die Aktionen und Diskussionen völlig nutzlos und unwichtig seien – was offensichtlich von vielen Abstimmenden nicht so gesehen wird. Bei der Erstauflage kam Gender Gap übrigens nur auf Platz 4.

Im Vergleich wenige Stimmen wurden für Bezahltes Schreiben/Paid Editing abgegeben, das im Jahr 2013 breit diskutiert und schon in unserem letzten Blogbeitrag ausführlich beleuchtet wurde. Hier zeigt sich, dass die Wikipedia-Community dem Thema insgesamt unemotional und neutral, teilweise auch gleichgültig gegenübersteht.

Über Kilian Kluge

Gehörte 2010 zu den Gründungsmitgliedern des Wikipedia-Schulprojekts. Daneben war er 2012 drei Monate lang Wikipedian in Residence bei einem großen Berliner Museum und berät verschiedene Institutionen beim Einsatz von Wikis.
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