Das wiki:team im ersten Halbjahr 2014

Seit nunmehr einem Jahr hat das wiki:team seine Arbeit aufgenommen. Der Start war mit zehn gebuchten Veranstaltungen in der zweiten Jahreshälfte 2013 bereits erfolgreich, auch unsere Vorstellung auf der WikiCon in Karlsruhe wurde positiv aufgenommen. Unser Referententreffen, das wir Ende Juli 2014 zum zweiten Mal in eigener Regie durchführen, diesmal im neu eröffneten Wikipedia-Treffpunkt „Lokal K“ in Köln, ist nun ein guter Anlass, auf das vergangene Halbjahr zurückzublicken.

2014 ging es ebenso aktiv weiter wie im Vorjahr. 16 Veranstaltungen, schwerpunktmäßig im Raum Hamburg, dem Ruhrgebiet und der Rhein-Main-Region, wurden von unseren derzeit 14 Referenten gestaltet. Ein Großteil der Workshops hatte erfahrene wie angehende Lehrkräfte als Publikum, aber auch unsere Autorenworkshops für Senioren wurden mehrfach angefragt. Einen Eindruck von einem Workshop für die Schüler eines Berliner Oberstufenkollegs bietet dieser Bericht.

Neben den Workshops und Vorträgen waren unsere Referenten auch als Experten von der Presse gefragt. Nachdem im Februar bekannt geworden war, dass die Universität Berkeley einen Wikipedian in Residence einstellt, gab es seitens der Medien großes Interesse am Thema Wikipedia an Hochschulen. Hierzu führten zwei unserer Mitglieder Hintergrundgespräche mit der FAZ, die schließlich in diesem lesenswerten Artikel mündeten. Auch die taz ließ sich von uns die Arbeitsweise der Wikipedia erklären.

Schließlich waren wir dank der Unterstützung von Wikimedia Deutschland beim Future of Eduction Workshop in London vertreten, wo Referenten und Organisatoren von Wikipedia-Bildungsprogrammen – vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum – zusammenkamen. Ein Bericht hierzu ist im Blog von Wikimedia Deutschland erschienen.

Unser ebenfalls von Wikimedia Deutschland finanziell unterstütztes Treffen im Juli werden wir nutzen, um unsere praktischen Erfahrungen zur eigenständigen und unabhängigen Arbeit zu resümieren und zu reflektieren. Gleichzeitig steht die Frage nach einer Weiterentwicklung sowohl des Netzwerks als auch der Angebote im Raum. Ein Bericht folgt an dieser Stelle.

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Aus Spaß

Die Teilnehmer einer Bildungstagung lernten folgende Liste aus den Wikipedia-Projektseiten kennen: Wikipedia als Quelle für Gerichte

Darin werden Gerichtsurteile aufgelistet, in denen die Richter sich auf die Wikipedia beziehen, ähnlich, wie man früher den Brockhaus zitiert hat.

In der Pause. Eine Teilnehmerin zu ihrem Sitznachbarn: “Aber diese Firmen, die für diese Liste zahlen, warum machen die das?”

Sitznachbar: “Wieso Firmen, die Liste wird doch von Freiwilligen zusammengestellt.”

Teilnehmerin: “Nein, echt? Das ist doch eine Heidenarbeit!”

Sitznachbar: “Das sind Nerds, die machen das, weil ihnen das Spaß macht.”

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Die nächste Sau: Porno-Wikipedia

Und wieder wird eine (mit Verlaub, aber die Redewendung drängt sich auf) Sau durch das digitale Medien-Dorf gejagt. Die Stichwörter dürften mit Leichtigkeit für viele Klicks sorgen: “Lehrer haben Angst um Schüler: Porno-Alarm bei Wikipedia!”, titelte beispielsweise die BILD-Zeitung. Das Traurige ist, dass solche Empörungslust ernsthafte Themen in den Hintergrund drängt.

Louis-Michel van Loo 001.jpg

Kein Kostverächter: Was Denis Diderot wohl zum Thema zu sagen hätte? (Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767)

Woher das knisternde Rascheln im Medien-Wald herrührt: Der Website news4teachers.de war plötzlich aufgefallen, dass es Wikipedia-Artikel zu Themen im Genitalbereich gibt. Dort und auch in der Mediensammlung Wikimedia Commons befinden sich entsprechende bildliche Darstellungen. Oder, wie der zufällig befragte Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband es ausdrückte: „Das ist Pornografie pur. Auch wenn die Bilder kosmetisch-medizinisch daherkommen.“

Leaving little to the imagination

Um was für Bilder es geht, konnte der Leser von news4teachers gleich selbst begutachten, denn die Website kopierte genüsslich eine beeindruckende Kollektion des beanstandeten Materials. Dürftig platzierte “Porno-Balken” lassen der Fantasie des Lesers noch ein wenig Raum. (Skandalöser mag es auf gestandene Wikipedianer wirken, dass der unter dem Namen “Redaktion” schreibende Autor wohl keine Ahnung von den Lizenzbedingungen hat.)

Damit der Leser sich nicht etwa damit tröstet, dass unzüchtiges Material sowieso über Google leicht zu finden ist, erhält er Denkhilfe von news4teachers-Bildungsjournalist Andrej Priboschek: “Die Porno-Links in Wikipedia – ein politischer Skandal”. Die “Online-Texte-Sammlung”, eine “ziemlich wilde Mischung” aus Fachbeitragen, PR-Beiträgen und “einigem Schund”, werde nämlich skandalöserweise von Millionen Menschen “als einzige Quelle für vermeintliches Wissen” genutzt.

Die Konsumenten möchten nun einmal nichts für Wissensangebote zahlen, selbst schuld seien da die Medien, deren Angebote besser werden müssten. Schlimm hingegen sei eine “Geiz-ist-geil”-Denke der Schulen bzw. der “klammen Kommunen”. “Die Klagen der Bildungsverlage, dass in Deutschland viel zu wenig Geld für gute Lernmedien bereit gestellt wird, ist ebenso alt wie richtig”, findet Priboschek.

Josef Kraus vom Lehrerverband (der nach der GEW zweitgrößten Dachorganisation von Lehrerverbänden in Deutschland) fordert gar, dass die Schulministerien Lehrer und Eltern vor der Wikipedia warnen. Die Alternative des bayerischen Gymnasialleiters: “Es müsste in jeder Schule zumindest eine Brockhaus-DVD oder eine Enzyklopädia Britannica-DVD oder Ähnliches geben.”

Wer soll’s richten, der Staat?

Unbestritten ist: Die Wikipedia versteht sich als allgemein-bildendes, aber nicht als ausdrücklich kindgerechtes Nachschlagewerk. Ansätze zu einer Wiki-Kinderenzyklopädie hat es gegeben, aber auch da kann man sich fragen, was genau kindgerecht ist. Davon abgesehen wäre es nicht verkehrt, wenn sich mehr Wikipedianer fragen würden, ob gewisse Artikel nicht etwas dezenter illustriert sein könnten. Schließlich reagieren Menschen unterschiedlich auf Sexdarstellungen, denen man nicht gerecht wird, indem man sie leichtfertig als “prüde” beschimpft.

Der bekannte Wikipedianer Achim Raschka dachte sich einst: Es ist doch der Traum jedes Vandalen, ein Pornobild auf die Wikipedia-Hauptseite zu schmuggeln. Packen wir’s an – nach diesem Motto baute Raschka zusammen mit Biologen, Gynäkologen und Tierärzten den Artikel “Vulva” aus. Mit einer Auszeichnung als exzellent hatte der Artikel schließlich die formelle Qualifikation, um auf der Hauptseite als Artikel des Tages präsentiert zu werden. Nach langen Diskussionen (auch über das zu verwendende Bild) war “Vulva” dann am 21. März 2010 Artikel des Tages und erhielt statt der üblichen 4000 Klicks pro Tag beinahe 200.000.

Prompt kam die Frage auf, ob man denn alles machen muss, nur weil es möglich ist. Bei entsprechenden Artikeln darf ein Leser sich vielleicht nicht beklagen, sexuelles Bildmaterial vorzufinden, aber muss er es auf der Hauptseite vermuten?

Wikipedianer wittern bei solchen Debatten schnell Zensur: Jimmy Wales hatte sich 2010/2011 für einen Wikipedia-Bildfilter stark gemacht, mit dem man Sexuelles, Gewalt und religiös Umstrittenes (wie die Abbildung des Propheten Mohammed) unsichtbar machen kann. Eine überwältigende Front der Ablehnung ließ Wales bzw. die Wikimedia Foundation die schon eingeleiteten Maßnahmen wieder zurücknehmen. Als 2013 der britische Premier David Cameron einen staatlichen Bildfilter für das ganze Land ankündigte, machte Wales deutlich, dass er solches strikt ablehnte. Sein Wikipedia-Bildfilter  war als freiwilliges Instrument gedacht.

Gerade Wikipedianer können mit Blick auf die Qualität von Artikeln sehr kritisch sein. Wenn Schüler und Lehrer die Wikipedia dennoch gerne lesen, letztere auch zur Unterrichtsvorbereitung, ist das durchaus erklärungsbedürftig – in früheren Zeiten waren die gedruckten Enzyklopädien nicht unbedingt die erste Wahl. Andrej Priboscheks Frage nach der Alternative zur Wikipedia ist sehr gerechtfertigt. Sein Aufruf an die Kommunen, die den Verlagen einfach mehr Geld geben sollen, wirkt aber ein wenig einseitig. Wie wäre es mit einem Mix aus verschiedenen Angeboten, darunter auch Open Educational Resources, die tatsächlich genau auf Schüler zugeschnitten sind?

P.S.: news4teachers.de ist seit Mai 2014 offizieller Kooperationspartner des Brockhaus Wissensservice.

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Wikipedia? Geh’ zum Arzt!

Ein Wissenschaftler auf der Suche nach Aufmerksamkeit, ebensolche Journalisten, und schon hat man die große Schlagzeile: Vertraut der Wikipedia nicht, 90 Prozent der Artikel über Gesundheitsthemen sind fehlerhaft. Da solle man doch besser den Arzt konsultieren, weiß der englische Telegraph.

“Neun von zehn medischen Einträgen in der Wikipedia sind fehlerhaft, sagen Ärzte”, und der Hauptautor der Studie, der Amerikaner Dr. Robert Hasty, erinnert daran, dass Wikipedia-Artikel nicht durch einen Peer-Review-Prozess gehen, anders als Artikel in medischen Fachzeitschriften.

"Schwester: Zange, Tupfer! Und gucken Sie mal in der Wikipedia nach, ob das hier wirklich der Blinddarm ist!" (US Navy, gemeinfrei)

“Schwester: Zange, Tupfer! Und gucken Sie mal in der Wikipedia nach, ob das hier wirklich der Blinddarm ist!” (US Navy, gemeinfrei)

Das Boulevard-Blatt stützt sich auf seinen Kollegen Daily Mail, der davor warnt, dass die so populäre Website Wikipedia von “normalen Benutzern” geschrieben werde, was das Risiko von Fehlern erhöhe. Allerdings wurden die Behauptungen auch von seriöseren Medien wie Time Magazine und BBC News übernommen, deren Journalisten ebenfalls keine Lust hatten, sich ihre schöne Story kaputt zu recherchieren.

Überprüfung der Studie unmöglich

Hastys Studie wurde umgehend von englischsprachigen Wikipedianern auseinandergenommen. Sie kritisierten unter anderem, dass die eigentliche Untersuchung von (namentlich nicht genannten) Praktikanten vorgenommen wurde und dass die zugrundeliegenden Daten unveröffentlicht geblieben sind.

Der Wikipedianer und Journalistik-Professor Andrew Lih interviewte zum Thema den kanadischen Arzt James Heilman, der vor einiger Zeit eine Wikipedia-Vereinigung für Gesundheitsthemen gegründet hat. Heilman hat sich die Studie, die bereits vor einigen Monaten veröffentlicht wurde, mehrmals durchgelesen. Er stellte fest, dass die Behauptungen nicht von der eigentlichen Untersuchung gestützt wurden. Dort fehlen auch konkrete Beispiele dafür, was angeblich in der Wikipedia falsch sei.

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Dr. James Heilman (CC-BY-SA)

In Interviews lieferte der Osteopath Hasty nun solche Beispiele, erklärt Heilman. In Bezug auf den Blutdruck kritisierte Hasty, dass die Wikipedia drei Methoden der Blutdruckmessung empfehle, bevor man erhöhten Blutdruck diagnostizieren könne.  Das dauere aber zu lange, zwei würden ausreichen, also gefährde die Wikipedia das Leben von Menschen. Heilman kontert, dass der Wikipedia-Artikel sich auf öffentliche britische Stellen und Fachzeitschriften berufe. Woher Hasty sein Wissen genau hat (es gibt eine amerikanische Stelle, die zwei Messmethoden empfiehlt), lasse sich aber nicht zurückverfolgen, weil Hasty über seine Quellen schweigt.

Hastys Untersucher scheinen auch sehr unterschiedliche Meinungen darüber zu haben, mit wie vielen Fehlern sie zu tun hatten. Und sobald sie auch nur eine einzige Fachquelle gefunden haben, die eine andere Meinung als ein Wikipedia-Artikel hat, dann gilt der Artikel als fehlerhaft. Was man aus dieser Zusammenschau von Fachzeitschriften herauslesen könne, meint Heilman, ist nur, dass die Fachwelt sich nicht immer einig ist.

Die Wikipedia hat nicht immer recht, sagt die Wikipedia

Einfache Antworten gibt es nun einmal nicht. Auch der Hausarzt kann sich nicht auf allen Gebieten gleich gut auskennen, darum holen sich viele Patienten eine zweite Meinung oder gehen zum Spezialisten. Eine Enzyklopädie hilft dem Patienten, ein wenig mündiger zu werden, doch selbst die Wikipedia warnt bei gesundheitsbezogenen Artikeln:

Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Sie bitte Ihren Arzt.

Bei der Erkrankung eines Tieres konsultieren Sie bitte einen Tierarzt, der eine Untersuchung durchführen und eine fundierte Diagnose stellen kann.

Nehmen Sie Medikamente nur nach Absprache mit einem Arzt oder Apotheker ein.

Verwenden Sie Informationen aus der Wikipedia nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Die Artikel der Wikipedia werden offen erstellt und haben weder eine direkte redaktionelle Begleitung noch eine ständige Kontrolle. Auch wenn zahlreiche Teilnehmer ständig an ihrer Verbesserung arbeiten, können Beiträge falsch sein und möglicherweise gesundheitsgefährdende Empfehlungen enthalten.

Vielleicht sollten sich gewisse Medien daran ein Vorbild nehmen: “Verwenden Sie Informationen aus unserer Zeitung nicht als alleinige Grundlage für enzyklopädiebezogene Entscheidungen.”

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Eine Enzyklopädie durch oder für das Volk?

Manche Wikipedianer hängen noch immer dem Traum an, dass ein Wiki aus jedem Leser einen Beitragenden macht, dass im Web 2.0 die Grenze zwischen Konsumenten und Produzenten aufgehoben wird. Die Realität hält jedoch manch hartes Aufwachen parat.

Wikipedianer ziehen gern eine rote Linie zwischen sich und den  “traditionellen”, kommerziellen Anbietern von Inhalten. Hier die Guten, die mit Freien Lizenzen ihre Werke der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, dort die Bösen, die aus Profitgier Zugangsbarrieren erstellen und mit dem Abmahn-Anwalt kommen. Und das Volk steht natürlich auf der Seite der Guten, bei der Wikipedia, beziehungsweise, die Wikipedia steht beim Volke.

Man kann die rote Linie allerdings auch ganz anders ziehen: Hier die Guten, die Inhalte produzieren und sie gegen Bezahlung oder unentgeltlich zur Verfügung stellen, dort die Bösen, die alles Digitale bedenkenlos klauen: das Volk. Die Menschen übernehmen alles, was sie über Google finden, egal, ob es urheberrechtlich geschüzt ist oder freilizensiert. Lizenzangaben, selbst eine simple Namensnennung: zu viel verlangt.

Carl Frederik Sørensen: Die Seeschlacht bei Lissa, 1868

Carl Frederik Sørensen: Die Seeschlacht bei Lissa, 1868

In jüngerer Zeit geistern wieder vermehrt Plagiatsfälle durch die Presselandschaft. Zahllos sind die Kommentare, die unendlich viel Verständnis für die Plagiatoren äußern. Fakten könnten urheberrechtlich nicht geschützt werden, Lehrbuchwissen oder das, was im Lexikon steht, auch nicht. Wenn die Wikipedia also ein Lexikon ist, dann könne man sich einfach daraus bedienen.

Die Masse des Volkes hält “Abschreiben” für eine sehr lässliche Sünde, vergleichbar vielleicht mit Mundraub. Für anständige Autoren hingegen, die vom Schreiben leben oder denen es um die Anerkennung geht, fühlt sich das Plagiat an wie ein Einbruch.

Die Wikipedia ist gut genug dazu, aus ihr zu stehlen, aber Respekt zeigen und ordentlich zitieren? Besonders beschämend ist es, wenn Hochschullehrer oder Promovenden Wasser predigen, aber Wein trinken, nämlich von der Verwendung der Wikipedia abraten, aber selbst daraus plagiieren. Sie befinden sich nicht in guter, aber in großer Gesellschaft. Eine öffentliche Diskussion darüber? Hört sich gut an, aber wenn die Aufforderung dazu vom C.H. Beck-Verlag ausgeht, wirkt es doch reichlich pikant.

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Russische Alternative für das “amerikanische Portal”?

Russische Nationalbibliothek, St. Petersburg (Ντμίτρι, CC-BY-SA 3.0)

Russische Nationalbibliothek, St. Petersburg (Ντμίτρι, CC-BY-SA 3.0)

“Unpolitisch” sei die folgende Meldung, hieß es bei ITAR-TASS. Die englischsprachige Nachrichtenagentur aus Moskau zitierte den Generaldirektor der Nationalbibliothek, Anton Lichomanow, dass die Wikipedia so viele Fehler enthalte, die man kaum korrigieren könne. Schließlich stamme die Wikipedia aus den USA. So könne das russische Volk die gleiche Situation erleben wie bei Visa und MasterCard, dass der Dienst für Russen einfach abgeschaltet werde.

Es sei also “heute”, so Lichomanow, “höchste Zeit” für eine Alternative.

Laut “Radio Stimme Russland” führte Lichomanow weiter aus, dass ein russischsprachiges Online-Nachschlagewerk das “Große russische Lexikon” als Grundlage verwenden könne. Regionale Lexika könnten “vereinigt” werden. “Wir können also das benutzen, was bereits vorhanden ist.”

Über offene und öffentliche Wissensangebote wird sich sicher jeder redliche Mensch auf der Erde freuen. Wie aber sind die Äußerungen des Generaldirektors einzuordnen? Möchte er einfach seiner eigenen Organisation ein neues Betätigungsfeld eröffnen, oder steckt hinter dieser “unpolitischen” Meldung nicht vielleicht mehr?

 

 

 

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Einfach so gebrauchen

IPON in der Jaarbeurs UtrechtGestern auf einer Lehrmittel-Messe in Utrecht. In der Wikipedia-Sitzung sagte ein sehr sympathischer Mann, dass man alles verwenden darf, was im Internet steht, auf einer Homepage, oder bei Facebook, oder sonst wo. Es ist ja öffentlich. Wer das nicht will, der muss seine Bilder ja nicht veröffentlichen. “Das darf jeder einfach so gebrauchen. Ja, überall, für alles.”

Der Mann war übrigens Lehrer für Wirtschaft und Gesellschaftslehre.

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Das Kreuz mit einem genealogischen Zeichen

Aktuell ist in der Wikipedia zum wiederholten Male eine Debatte über die Verwendung von „Genealogischen Zeichen“ entbrannt. Gemeint sind die Symbole „*“ und „“, mit denen die Geburts- und Sterbedaten in Artikeln über Personen gekennzeichnet werden. Die Gegner dieser Praxis vertreten die Auffassung, dass das Kreuz christlichen Ursprungs und daher bei Personen anderer Religion – insbesondere Juden und Muslimen – unangebracht und verletzend sei. Sie sehen den neutralen Standpunkt, eines der Grundprinzipien der Wikipedia, nicht gewahrt. Es steht also die Frage im Raum, ob (und wenn ja, welche) Verantwortung die Wikipedia-Autoren gegenüber den religiösen Gefühlen und Ansichten von Personen haben.

Symbolbild Kreuz

Der Stein des Anstoßes: Ist es mit dem neutralen Standpunkt und der Achtung religiöser Gefühle zu vereinbaren, in Biographien nicht-christlicher Personen ein Kreuz-Symbol zur Kennzeichnung des Todesdatums zu verwenden? (Screenshots aus Wikipedia. CC-BY-SA 3.0, die Liste der Autoren ist hier, hier und hier zu finden.)

Das Thema wurde in der Vergangenheit schon mehrfach breit diskutiert, in mehreren sogenannten Meinungsbildern – verbindlichen Abstimmungen – wurde eine Neuregelung abgelehnt. So bleiben die Symbole verpflichtend, auch wenn mit Abkürzungen wie „geb.“ und „gest.“ oder der Verknüpfung der Daten mit einem „-“ gebräuchliche und ebenso knappe Alternativen bestehen. Viele der Befürworter von Stern und Kreuz argumentieren mit der Tradition dieser Zeichen und dem Status Quo.

In der derzeitigen Debatte werden auch zahlreiche weitere Argumente für und gegen eine Regelung angeführt. Die heftigen Diskussionen bleiben nicht auf die Wikipedia beschränkt: Der Radiosender WDR 5 berichtete am 2. März in seiner Kirchensendung Diesseits von Eden und führte dazu Interviews mit Wikipedianern und Vertretern verschiedener Religionen (ab 30:38).

Da die Diskussionen in der Wikipedia offen und frei zugänglich geführt werden, eignet sich das nur auf den ersten Blick einfache Thema „Genealogische Zeichen in der Wikipedia“ gut für eine Beschäftigung mit dem Themenfeld Neutralität und Religion. So könnten Schüler beispielweise die Argumente sammeln, analysieren und vergleichen, die Akteure in verschiedene Parteien einteilen oder eigene Argumente und Lösungen entwickeln. Die folgende Linksammlung kann hierzu als Einstieg dienen.

Danke an Achim Raschka für den Hinweis auf den WDR-5-Beitrag.

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Abmahnen bei Freien Lizenzen?

Das Bild des Anstoßes: Manfred Stolpe, fotografiert von Sebastian Heiser (Benutzer:Eilmeldung, CC-BY-SA, GFDL)

Das Bild des Anstoßes: Manfred Stolpe, fotografiert von Sebastian Heiser (Foto: Benutzer:Eilmeldung, CC-BY-SA, GFDL)

Der TAZ-Blogger Sebastian Heiser berichtet von seiner erzieherischen Maßnahme gegenüber der SPD. Ein Parteimitarbeiter hatte bei den Websites Netzwerkberlin.de sowie Manfred-Stolpe.de ein bestimmtes Foto des SPD-Politikers Manfred Stolpe verwendet. Heiser erkannte das Bild: Er selbst hatte es im Juni 2005 bei einer Podiumsveranstaltung geschossen und dann unter einer Freien Lizenz veröffentlicht. Der SPD-Mitarbeiter scherte sich jedoch nicht um die Lizenzbedingungen und vermeldete so auch nicht den Namen des Fotografen.

Heiser geht nach eigenen Angaben einer solchen Urheberrechtsverletzung nicht immer nach. “Aber in diesem Fall dachte ich mir: Warum sollen unter dem kaputten Urheberrecht immer nur die Leute leiden, die damit täglich arbeiten müssen? Und nicht auch mal die, die dafür verantworlich sind?”

Was ein Fehler kosten kann

So ließ er über einen Anwalt “abmahnen”. Nach einigem Hin und Her unterschrieb die SPD folglich eine Unterlassungserklärung. Außerdem zahlte sie einen Schadensersatz nach, vereinfacht gesagt, marktüblichen oder für diesen Fall zutreffenden Tarifen. Heiser rechnet nach: sein Anwalt habe 1.103,93 Euro gekostet, und der Anwalt der SPD wohl genauso viel. Ferner gingen 696,07 Euro an Urheber Heiser. Die SPD kostete dieser Fehler eines Mitarbeiters also etwa 2.900 Euro, davon nur 24 Prozent für den Urheber.

Heiser begründete seine Handlung damit, dass die SPD schließlich mit für das heutige Urheberrecht mit seinen Tücken und Nachteilen verantwortlich sei:

“Liebe SPD, könnt ihr das bitte reparieren? Als Mindestkriterien für ein neues Urheberrecht schlage ich vor

- dass ihr es versteht
- dass es so faire Regeln hat, dass ihr euch auch selbst dran haltet
- dass die Urheber mehr bekommen als die Anwälte”

Verständnis für das Abmahnen

Alles sympathische Forderungen, wenngleich in diesem Fall weniger das Urhebergesetz das Problem war. (Leonhard Dobusch geht damit in eine andere Richtung.) Vielmehr kennen die meisten Menschen das Urheberrecht nur sehr rudimentär und das Konzept Freies Wissen (oder allgemeiner: Freier Inhalte, Open Content) gar nicht. Und das, obwohl sie durch die Wikipedia und andere Angebote täglich die Vorteile dieses Konzepts genießen.

Ein Autor, ein Fotograf, ein Videofilmer usw. kann sich dafür entscheiden, seine Inhalte unter einer Freien Lizenz zu veröffentlichen. Davon darf dann jedermann problemlos und ohne zu Frage Gebrauch machen, wenn er sich denn auf die Lizenzbestimmungen einlässt. Wer die Bestimmungen nicht einhält und noch nicht einmal die redlicherweise selbstverständliche Namensnennung leistet: Wie soll man damit umgehen?

Wikipedianer haben oft die Erfahrung gemacht, dass ihre freundlichen Hinweise von den Urheberrechtsverletzern einfach ignoriert wurden. Mir selbst ist dies bereits passiert; in Vorträgen habe ich es sogar erlebt, dass unbedachte Zeitgenossen mich gefragt haben, ob denn “was passieren” könne, wenn man zum Beispiel ein Bild “einfach so” übernimmt. Mit anderen Worten: Da fragt man einen Eigentümer, wie hoch das Risiko ist, ihn zu bestehlen.

Wenn manche Wikipedianer und sonstige Jünger Freier Inhalte dann abmahnen, empfinden andere dies eher als anrüchig.  Verständnis für ein anwaltliches Abmahnen gibt es vor allem, wenn ein Urheberrechtsverletzer kommerziell tätig ist oder zu einer großen Organisation gehört, von der man ausgehen darf, dass sie sorgfältiger vorgeht als ein Hobby-Homepage-Webmaster. Und überhaupt: Wenn meist ehrenamtlich Tätige für Freie Inhalte sorgen, kann man dann nicht von den Nachnutzern verlangen, dass sie ein wenig über Freie Lizenzen dazulernen und die Bestimmungen einhalten?

Die Aufklärung einfach (und) besser machen

Zur ganzen Wahrheit gehört es allerdings, dass die Jünger Freier Inhalte dem Rest der Menschheit das Verstehen nicht gerade vereinfachen. Das Wort “frei” ist nicht nur im Englischen missverständlich, wo es in erster Linie als “kostenlos” aufgefasst wird (“for free”). Auf dem Gebiet der Software hat dies entsprechend dazu geführt, dass manche statt von “free” von “open” sprechen, aber so viel ist damit noch nicht gewonnen.

Fotografen verwenden übrigens gern den Begriff “lizenzfrei”, da ein Bezahlmodell meist auf einer Lizenz beruht. Von “lizenzfrei” zu “frei lizensiert” ist es sprachlich nur ein kleiner Schritt, rechtlich bleibt es ein Riesenunterschied. Umso schlimmer ist es, wenn manchmal sogar Angestellte von Wikimedia-Organisationen behaupten, die Inhalte der Wikipedia seien “rechtefrei” und könnten “einfach wiederverwendet werden, ohne jemanden zu fragen.” Solche missverständlichen oder schlicht falschen Wendungen sind ein Rezept für Fehltritte und schaden dem Konzept Freies Wissen.

Bei Wikimedia Commons könnte man die Weiternutzung einfacher machen. Eine Dateibeschreibungsseite dort ist übervoll mit schwer verständlichen Texten, und bei den Funktionen zum “Einbinden” (oberhalb der Datei) erhält man Software-Code. Warum gibt man dem Nachnutzer nicht einfach eine solche Information an die Hand: “Notwendige Angabe bei der Wiederverwendung dieser Datei: Benutzer:Eilmeldung, CC-BY-SA / GFDL)”. Einfach und deutlich, und bitte nicht zwischen allerlei technischen Angaben verstecken.

Erfahrungen in Vorträgen und Kursen zeigen, dass man das Konzept Freies Wissen nicht innerhalb von zwei-drei Sätzen abhandeln kann. Man muss und sollte sich für das Konzept Zeit nehmen, und den Teilnehmern wird endlich verständlich, warum das Konzept so wichtig ist beim Erstellen einer Freien Enzyklopädie. Und bei der Weiternutzung, natürlich.

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Wikipedia: einige Aha-Erlebnisse

Die Germanistikstudentin Laura Veidt hat im Dortmunder Seminar “Wikipedia: Sprache, Form und Inhalt” ein Protokoll ihrer Aha-Erlebnisse angefertigt. Hier einige ihrer Eindrücke:

  • Ich war sehr überrascht davon, dass die Wikipedianer ein eigenes Nachrichtenblatt, den Kurier, haben, in dem sie journalistische Artikel veröffentlichen. Ich habe davon vorher noch nie gehört und hätte auch nicht gedacht, dass es sowas gibt, da das erklärte Ziel der Wikipedianer ja eigentlich die Erstellung einer Enzyklopädie ist.
  • Was mich außerdem erstaunt hat, ist dass die Qualitätssicherung in der Wikipedia einen hohen Stellenwert hat. Artikel werden durchaus auf Richtigkeit überprüft, obwohl es in den Medien oft anders dargestellt wird. Es gibt auch unter den Wikipedianern viele Diskussionen um die Richtigkeit eines Artikels. Ferner können sie Artikel auch bewerten: Sind diese informativ/lesenswert oder sogar exzellent. Wird ein Artikel als sehr schlecht bewertet, kann dieser sogar gelöscht werden. Es steht also nicht jeder Quatsch in Wikipedia.
  • Desweiteren habe ich erfahren, dass es in der Wikipedia auch sowas wie eine eigene Sprache gibt. Artikel werden wikifiziert. Das bedeutet, dass eine bestimmte Sprache, ein bestimmter Stil und auch bestimmte Formalia eingehalten werden müssen, um dem Standard zu entsprechen.
  • Ein weiterer Aspekt, der mich verwundert hat, ist, dass die Wikipedia im Vergleich mit anderen Enzyklopädien durchaus besser abschneidet. Vor allem in den Kategorien Aktualität, Umfang, Vollständigkeit und Richtigkeit liegt sie vorne.
  • Als letzten Punkt, der mich während der Gruppenpräsentationen zu einem “Aha-Moment” gebracht hat, möchte ich sagen, dass ich nicht gedacht hätte, dass so viele Lehrer (53,8%) die Wikipedia als Mittel zur Unterrichtsvorbereitung nutzen. Mein Stand war vorher, dass LehrerInnen meist sehr skeptisch und negativ gegenüber der Wikipedia sind und ihren SchülerInnen den Umgang mit ihr abraten.
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